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Rede zur Ausstellungseröffnung

21. Mai 2009

Rede von Gertrud Selzer, Vorstandsmitglied der Aktion 3.Welt Saar, zur Eröffnung der Anne Frank Ausstellung am 20. Mai 2009 in der Stadthalle Merzig. Die Ausstellung wird gemeinsam von der Christlichen Erwachsenenbildung e.V. und der Aktion 3.Welt Saar organisiert.

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Freunde und Freundinnen,

in wenigen Tagen, am 12. Juni 2009,  wäre Anne Frank 80 Jahre alt geworden. Sie könnte heute noch leben, wenn….

Wenn sie nicht dem eliminatorischen Antisemitismus der Nationalsozialisten und ihrer vielen Helfershelfer zum Opfer gefallen wäre. Sie wurde im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet. Wenige Tage vor dem Tag der Befreiung, dem 8. Mai 1945. Der Tag der militärischen Niederlage der Nationalsozialisten.

Was hätte geschehen müssen, damit Anne Frank überlebt hätte?

1. Aus Worten werden Taten

Es wäre nötig gewesen

… Zu begreifen, dass aus Worten Taten werden können

… Zu begreifen, dass Worte verletzend und tödlich sein können

… Zu begreifen, dass aus Ideologie politische Praxis werden kann

… Zu begreifen, dass die Ankündigungen in Hitlers „Mein Kampf” eben mehr waren als „nur Worte” und „nur Gerede”, sondern nichts anderes als ein politischer Fahrplan.

Es wäre nötig gewesen

… Zu begreifen, dass der Antisemitismus der Nazis etwas Eigenständiges war, jenseits der ebenfalls von Ihnen betriebenen Verfolgung von Demokraten, Christen, Sozialdemokraten, Kommunisten, Schwulen und Lesben.

2. Das Moralische kommt abhanden

Es wäre nötig gewesen zu begreifen, dass das politische Projekt des Nationalsozialismus nur deshalb in Deutschland 12 Jahre lang auf grauenhafte Weise „erfolgreich” sein konnte,

weil es den Nazis gelang, ihren eliminatorischen Antisemitismus mit den technischen Möglichkeiten ihrer Zeit aufs engste zu verbinden. Alle Facetten dessen, was Gesellschaft ausmacht - Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Verwaltung, Staatsgewalt, Vereine, Verbände etc. - wurden in den Dienst der Judenvernichtung gestellt.

Ich sagte „wurden gestellt”: Das stimmt nicht ganz. Sie ließen sich in diesen Dienst stellen.

Aber warum konnte dies gelingen?

Der Hinweis auf die jahrhundertealte Judenfeindschaft - z.B. in Form des Antijudaismus - ist dabei nicht allein ausreichend. Den Nazis gelang etwas, was vor ihnen niemand gelang. Es gelang Ihnen, das Handeln eines Menschen von der moralisch-ethischen Dimension zu trennen, die dem Handeln Orientierung und Richtung gibt. Es gab kein moralisch-ethisches richtig und falsch. Die Kategorien richtig und falsch fanden lediglich noch Anwendung hinsichtlich der Frage ob jemand seine Pflicht getan hat oder nicht.

„Ich habe ja nur meine Pflicht getan.” Letzlich war dies das zentrale Credo in der Verteidigungsstrategie von Adolf Eichmann in Jerusalem 1961.

Wer war Eichmann und was machte er in Jerusalem? Adolf Eichmann war eine der zentralen Figuren im bürokratischen Netzwerk der Nationalsozialisten zur Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen. Unscheinbar, hinter den Kulissen arbeitend, mit großem Eifer und beeindruckender Beharrlichkeit erfüllte er seine Pflicht: Juden vernichten. Bei dieser Pflichterfüllung galt es Ordnung und Disziplin zu wahren. Nur so konnte die Pflichterfüllung gelingen. Er ordnete in seiner Schreibstube Kolonnen an Zahlen, füllte Statistiken aus und sorgte dafür, dass Ordnung herrschte und alles seinen pflichtbewussten Gang nahm.

Man geht davon aus, dass er aktiv an der Ermordung von mehreren Millionen Juden beteiligt war. Als stiller aber effizienter Organisator im Hintergrund.

Nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte er unter und gelang 1950 über die sogenannte „Rattenlinie” nach Südamerika. Die „Rattenlinie” war ein Fluchtweg von Italien über diverse Länder Südamerikas, der es vielen Nazis ermöglichte zu entkommen, unterzutauchen und mit neuer Identität in ihrer neuen Heimat Chile, Bolivien, Paraguay, Uruguay oder Argentinien ein unbescholtenes Leben zu führen. An diesem Fluchtweg waren kroatische Faschisten genauso beteiligt wie einzelne Teile der katholischen Kirche. Im Falle Eichmanns war dies der österreichische Bischof Alois Hudal, der im Vatikan tätig war.

1960 erhielt ein deutscher Demokrat, ein Jurist, den Hinweis, dass sich Eichmann in Argentinien aufhält. Unter Umgehung der Dienstvorschriften meldete er diesen Fund nicht innerhalb seiner Verwaltung - er musste davon ausgehen, dass Eichmann gewarnt werden würde - sondern gab diese so wichtige Information denen, die das Nötige dann veranlassten und durchführten: dem Staat Israel. Dieser deutsche Demokrat, der entscheidend an der Ergreifung Eichmanns beteiligt war, das war Fritz Bauer, der hessische Generalstaatsanwalt und Initiator der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. Nach ihm ist an der Frankfurter Universität das Fritz Bauer Institut benannt, dessen langjähriger Leiter Micha Brumlik einigen von Ihnen bekannt sein dürfte.

Eichmann wurde kurz danach vom israelischen Auslandsgeheimdienst MOSSAD in Argentinien festgesetzt, nach Israel gebracht und vor Gericht gestellt.

Dieses Gerichtsverfahren 1961 fand weltweit Aufmerksamkeit. Die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt berichtete für eine New Yorker Zeitung über diesen Prozess. Eigentlich war alles klar. Eichmann wurde als das Böse schlechthin dargestellt, als ein Teufel in Menschengestalt.

Hannah Arendt kam als aufmerksame Prozessbeobachterin zu einer anderen Einschätzung. Sie kommentierte das glaubhaft wirkende Insistieren von Eichmann auf sein Primat der Pflichterfüllung mit dem Begriff von der „Banalität des Bösen”. Das Böse in Gestalt von Eichmann war banal. Nicht banal im Sinne von Verharmlosung, sondern banal, weil die Taten von Eichmann einfache bürokratische Tätigkeiten waren. Im Grunde genommen nicht der Rede wert. Unspektakulär. Mörderisch wurden die banalen Tätigkeiten von Eichmann erst, weil ihm  - und er ist nur der Prototyp des fleißigen Organisators im NS-Staat - jegliche moralisch-ethische Kategorie abging. Er erfüllte nur seine Pflicht.

Hannah Arendt erntete mit ihrer Kommentierung - das Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen” ist auch auf Deutsch erschienen - heftigste Gegenreaktionen. Alleine, sie blieb bei ihrer Analyse und hat damit meines Erachtens einen zentralen Beitrag geleistet zum Verständnis des Nationalsozialismus.

Wenn Millionen Menschen nur noch ihre Pflicht tun, ohne im moralisch-ethischen Sinne nach Gut und Böse zu fragen und ohne sich in andere Menschen hinein zu versetzen, dann hört eine Gesellschaft auf, sich das Etikett menschlich zu verdienen.

Was heißt das für uns heute?

Ich möchte einige Punkte nennen:

1. Johannes Hoffmann - Nazigegner und erster Ministerpräsident des Saarlandes

Zunächst einmal möchte ich meinen tief empfundenen Respekt und Dankbarkeit denen gegenüber zum Ausdruck bringen, die sich in der NS-Zeit dem Antisemitismus der Nazis entgegengestellt haben. Johannes Hoffmann war einer von ihnen. Er war in den 20er und 30er Jahren katholischer Journalist bis zu seiner Entlassung wegen seines Engagements gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Und er war nach dem Zweiten Weltkrieg der erste Ministerpräsident des Saarlandes. Die Tatsache, dass er ein entschiedener Nazigegner war und noch dazu im Landkreis Merzig-Wadern zu Hause war, in Beckingen-Düppenweiler, ließ uns keine andere Wahl, als zu ihm eine Veranstaltung anzubieten, am 4. Juni, in Beckingen-Düppenweiler. Wohlwissend, dass er im Saarland bis heute umstritten ist und große Saarland-Experten wie Ludwig Harig mit Pathos erklären, die Regierung Hoffmann - immerhin eine Koalitionsregierung mit Sozialdemokraten - sei ein „klero-faschistisches Regime” gewesen und durch „diktatorische Verhältnisse” geprägt gewesen.

2. Existenz des Staates Israel

Es sollte möglich sein, sich aus tiefster humanitärer Überzeugung zur Existenz des Staates Israels zu bekennen, ohne damit jedes Detail seiner jeweiligen Regierung gut zu heißen. Vor allem auch zu der Fähigkeit, diese Existenz zu sichern. Denn immerhin ist Israel die zentrale materielle Konsequenz aus dem Zivilisationsbruch Auschwitz. Wenn wir dieses Bekenntnis hinbekommen, dann verhindern wir, dass das Gedenken an die toten Juden, was ich für eminent wichtig halte, zu einem Ritual erstarrt. Das Gedenken an die Toten, sollte uns die Kraft geben, das heute Notwendige zu tun.

3. Gemeinsam gegen Antisemitismus

Wenn ich ernsthaft und nicht nur der Form halber Antisemitismus bekämpfen möchte, muss ich eingedenk der Tatsache, dass Antisemitismus in allen politischen Lagern vertreten ist, diesen Kampf und dieses Engagement auch über die Grenzen des eigenen politischen Lagers, der eigenen Partei, Kirche, Gewerkschaft, antifaschistischen Gruppe, über die Grenzen der „Aktion 3. Welt Saar” hinweg führen. Ich plädiere hier aus Gründen politischer Notwendigkeit für ein breites Bündnis gegen Antisemitismus. Natürlich ist es einfacher, das Trennende hervorzuheben. Aber ich bin mir sicher, dass es ohne ein solches politisches Projekt nicht gelingen kann und nicht gelingen wird. Ohne dies wird eintreten, was Hannah Arendt, 1942 im New Yorker Exil formulierte: „Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Mond sicher”. Das aber können wir uns nicht leisten. Ich möchte hier auf Erden sicher sein vor Antisemitismus.

4. Gegen jeden Antisemitismus - ob grün oder braun

Das schließt für mich auch ein, jede Form des Antisemitismus zu bekämpfen. Wir wissen ja heute, dass es viele Facetten davon gibt. Und längst hat die politische Rechte kein Monopol auf Antisemitismus:

Es gibt einen islamischen Antisemitismus -

Erinnert sei an die palästinensischen Selbstmordattentäter, deren Ziel es ist, möglichst viele Juden und Jüdinnen zu töten; erinnert sei an die Hamas, deren erklärtes politisches Ziel es ist, die Juden und Jüdinnen ins Meer zu treiben und „das Gebilde”  - so wird dort der Staat Israel genannt - zu vernichten. Erinnert sei an die aktuellen Drohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegenüber Israel.

Es gibt auch einen Antisemitismus bei Fußballfans. „Wir bauen eine U-Bahn für Euch von hier nach Auschwitz” wird auch heute noch in vielen Stadien gesungen; auch im Saarland. Vereinsverantwortliche, Ordner, Polizei schweigen dazu. Dies konnte ich selbst letztes Jahr im Mai beim Saarlandpokalendspiel Neunkirchen-Homburg  erleben. Aber es gibt auch Gegenreaktionen von Fußballfans. Dieser modernen Form des Antisemitismus haben wir eine eigene Veranstaltung gewidmet, am 14. Juni, hier an dieser Stelle.

Es gibt auch einen linken Antisemitismus -

Erinnert sei an das auffallend große Verständnis in der politischen Linken dieses Landes für die Hamas und den Iran und damit auch für deren Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel.

Erinnert sei an das elegante, von multikultureller Toleranz geprägte Wegsehen bei antisemitischen Sprüchen von einem Teil - und ich betone: einem Teil - migrantischer Jugendlicher mit islamischem Hintergrund.

Erinnert sei auch an eine Form von Kapitalismuskritik, die sich der Personifizierung des bösen Kapitalisten in Form von Heuschrecken bedient und damit gegen das vermeintlich umherschweifende Kapital kämpft. Dieser Vergleich ist heute in Gewerkschaftskreisen, die mir noch nicht mal so unsympathisch sind, leider weit verbreitet. Hier wird der alte Gegensatz vom schaffendem und raffendem Kapital - vom guten und bösen Kapital - wieder aufgelegt. Die Nazis hatten diesem antisemitischem Stereotyp Weltgeltung verschafft und die Juden als Vertreter des vagabundierenden Kapitals gebrandmarkt. Ich sage damit ausdrücklich nicht, dass jeder, der den Begriff „Heuschreckenkapitalismus” verwendet, ein Antisemit ist. Aber wer diesen und artverwandte Begriffe verwendet, spielt mit antisemitischen Stereotypen. Es geht nicht darum, gefühlterweise nichts Falsches gesagt zu haben. Sprache ist nie neutral. Wenn ich an einer Tankstelle ein Lagerfeuer mache, könnte es sein, dass etwas passiert. Auch wenn ich gefühlterweise kein Brandstifter bin. Es muss aber nicht zwingend etwas passieren. Das Lagerfeuer kann auch friedlich zu Ende brennen und langsam erlöschen.

Wer ernsthaft gegen Antisemitismus ist und nicht nur gefühlterweise, sollte sich auch der Mühe unterziehen, vor der eigenen Haustür aufzuräumen und Klartext zu reden. Dann entgeht man auch der Gefahr, die Auseinandersetzung mit Antisemitismus als eine rein pädagogische Angelegenheit zu begreifen und sie so zu entpolitisieren. Ich finde, man sollte sich dafür hüten, Antisemitismus als Irrtum oder als Ergebnis fehlender Bildung kleinzureden. Sie wissen was sie tun - die Antisemiten.

Dass die Christliche Erwachsenenbildung und die Aktion 3.Welt Saar die Ausstellung „Anne Frank - eine Geschichte für heute” zeigen, entspringt für uns auch der Notwendigkeit, keine Ruhe zu geben. Ich kann mich noch gut daran erinnern an die Auseinandersetzung zwischen Martin Walser und Ignatz Bubis, dem langjährigen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden. Walser trat massiv dafür ein, einen Schlussstrich zu ziehen und sich nicht ständig an Auschwitz erinnern zu lassen. Bubis war ein bisschen sprachlos, vor allem aber war er entsetzt und zutiefst verletzt. Dazu beigetragen hatte auch der freundliche und zustimmende Beifall für Walser aus den Niederungen des deutschen Feuilletons. Endlich hat es einer mal formuliert, was man selbst denkt, sich aber nicht zu sagen getraut. Indem wir diese Ausstellung hier zeigen, verweigern wir uns dieser Schlussstrichmentalität und dem Versuch, die Erinnerung auszulöschen.

Lassen Sie uns gemeinsam an einer Welt bauen, in der man auch im zarten Mondeslicht vor Antisemitismus sicher ist.

Herzlichen Dank.

  1. 28. Mai 2009, 13:17 | #1

    Sehr gut!
    Besonders treffend das Beispiel mit der Tankstelle und dem Lagerfeuer.
    Hoffentlich wird Hannah Ahrendt nicht in zehn bis fünfzehn Jahren widerlegt. Schließlich sollen dann immer mehr Leute auf dem Mond landen…
    :-(

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