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Stadtrundgang durchs jüdische Merzig

25. Mai 2009

Nach einem richtig heißen Tag mit gefühlten 40 Grad im Schatten fand gestern der Spaziergang durchs jüdische Merzig um 20 Uhr statt - nicht zu früh, wenn ich mir das Wetter vor Augen halte.  Über 80 Leute nahmen an dem Spaziergang teil.

Der Spaziergang wurde geleitet von Alfred Diwersy, langjähriger hauptamtlicher Beigeordneter der Stadt Merzig. Die Erinnerung an die Merziger Juden und Jüdinnen war ihm immer schon ein wichtiges Anliegen. Benjamin Chait, der Kantor der Synagogengemeinde Saar, begleitete mit dem Jiskorgebet und dem Kaddisch die Station an der ehemaligen Synagoge.

Stationen waren unter anderem der Vorplatz der St. Josef-Kirche, die heutige Synagogenstrasse mit dem Gedenkstein für die ehemalige Synagoge, die die Deutschen während der Nazizeit geschleift hatten, sowie der jüdische Friedhof.

Interessante Dinge konnte man erfahren: So wird die erste Ansiedlung von Juden in Merzig im Jahre 1648 vermutet, 1652 ist der erste Beleg in einem Vogteigerichtsprotokoll über einen “Roffel/Raphael Jud” zu finden, 1683 folgt die erste Nennung einer jüdischen Familie. Im 18. Jahrhundert lassen sich dann insgesamt 5 jüdische Familien nachweisen; gemeinsam mit den Familien in Brotdorf und Hilbringen kommt die Gemeinde somit auf ungefähr 12 Familien. Die Zahl stieg im 19. Jahrhundert kontinuierlich an, 1846 waren insgesamt 223 Juden in Merzig bekannt. 1933  lebten noch über 200 Juden in Merzig; die Gedenkstätte Yad Vashem kennt über 40 Opfer der Nationalsozialisten für Merzig. 1937 wurde die jüdische Gemeinde Merzig aufgelöst, für die letzten jüdischen Bewohner war nun die Gemeinde in Illingen zuständig.

Insgesamt gab es in Merzig drei Synagogen; die erste wurde vor 1729 ohne behördliche Genehmigung betrieben, die im Juli 1842 fertig gestellte Synagoge fiel der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 zum Opfer. Der Bau wurde nach dem Pogrom von der Stadt Merzig teilweise wieder hergestellt und zweckentfremdet.

Die Erinnerung an das jüdische Bethaus und dessen Schicksal wurde man mit einem Gedenkstein an der Stelle der ehemaligen Synagoge gerecht; jedoch wurde erst im zweiten Anlauf den historischen Begebenheiten Rechnung getragen: Der 1961 installierte Gedenkstein suggerierte eine Zerstörung der Synagoge durch die alliierten Luftangriffe im Jahre 1944 - die Synagoge fiel jedoch den Nationalsozialisten zum Opfer und nicht den Alliierten: Diesem nicht unwesentlichen Unterschied konnte mit einer Aktualisierung auf der Rückseite des Gedenksteines im Jahre 2005 Rechnung getragen werden.

Der jüdische Friedhof schließlich diente der Gemeinde über dreihundert Jahre. Geschändet in der Nazizeit, wurde Alfred Frenkel 1978 als letzter auf dem Friedhof bestattet.

Lesetipp:
Das Buch von Wilhelm Laubenthal “Die Synagogengemeinden des Kreises Merzig 1648 - 1942 ” ist zwar vergriffen, aber noch in wenigen Restexemplaren in der Buchhandlung Rote Zora (Merzig) vorhanden; die Rote Zora beteiligt sich auch am Begleitprogramm zur Anne Frank Ausstellung.

  1. 25. Mai 2009, 08:54 | #1

    Liebe Kolleginnen und Kollegen in Merzig und Losheim,

    als Verantwortliche für die Wanderausstellung “Anne Frank - eine Geschichte für heute” in Berlin habe ich mit großer Freude eure Website durchforstet. Ich gratuliere euch zu der guten und aktuellen Aufbereitung, mit der ihr Maßstäbe für die nächsten Ausstellungsorte gesetzt habt. Nun wünsche ich euch vor allem zahlreiche Besucherinnen und Besucher in der Ausstellung!
    Den Begleiterinnen und Begleitern wünsche ich den nötigen Mut und vor allem viel Freude bei der Arbeit mit den Besuchergruppen.
    Alles Gute,
    Anja Witzel

  2. 25. Mai 2009, 09:55 | #2

    Danke. Die Ausstellung und der Zuspruch sind Spitze. Als Veranstalter fragt man sich natürlich immer bis zuletzt, was geht schief, kommen genug Leute, interessiert das überhaupt jemanden? Wir mussten schon bei der Eröffnung doppelt so viele Stühle hinstellen, wie dort standen. 80 BesucherInnen der Eröffnung, 80 beim Spaziergang durch das jüdische Merzig, sehr unterschiedliches Publikum, total motivierte Ausstellungslotsen, viele aktive Kooperationspartner, so kann es weiter gehen.

  3. james
    25. Mai 2009, 13:03 | #3

    oh la la - da hat sich die Stadt Merzig aber ein Eigentor geschossen. Der Platz, an dem der Synagogen-Gedenkstein steht, ist ja nicht gerade einladend und zudem mit viel Unkraut bedeckt. Aber die, derer hier gedacht wird, leben ja nicht mehr. Der Umgang mit dem jüdischen Erbe zeigt sich an solchen Kleinigkeiten. Ich fand den Hinweis von Alfred Diwersy, wonach ja der Spaziergang durch das jüdische Merzig oft genug angekündigt war und hier durchaus etwas hätte geschehen können, sehr zutreffend. Aber es ist Wahlkampfzeit und die Parteien verbringen viel Zeit mit ihren Schaukämpfen. Da geraten solch unwichtige Dinge, wie das Gedenken an Juden, die noch dazu tot sind, leicht aus dem Blickfeld.

  4. Ingrid
    25. Mai 2009, 16:58 | #4

    Ich fand den Spaziergang auch sehr eindrucksvoll: Wer hätte schon gewusst, dass auf dem Gedenkstein am Synagogenstandort in der Synagogenstraße erst auf der Rückseite der richtige Text eingemeißelt steht: Dass die Synagoge in der Reichspogromnacht zerstört wurde und nicht - wie der Text auf der Vorderseite assoziiert - von alliierten Bombern zerstört wurde. Das könnte die Stadt Merzig auch anders lösen, denn wer geht sich schon die Rückseite eines Steines anschauen?

  5. Nicole
    2. Juni 2009, 20:22 | #5

    Der Spaziergang hat mir bewußt gemacht, dass sehr viele Erinnerungen an das jüdische Leben von Damals in unserer Stadt verloren gehn.
    Die ungepflegte Gartengestaltung um den Gedenkstein hat mich auch sehr traurig gestimmt. Es wäre gut wenn man dieser Stelle mehr Aufmerksamkeit schenken würde,auch von städtischer Seite.

  6. Uri Beer
    17. August 2009, 09:54 | #6

    ich lebe in Israel. ein Teil meine Familie Beer stammte aus Merzig. so weit ich weiss sind sie, oder einige Familienmitglieder, noch im 19 J.h. nach St. Ingbert umgezogen. kann mir jemand sagen was man ueber meine Familie Beer in Merzig weiss? gibt es in dem juedischen Friedhof Grabsteine mit dem Namen Beer oder in Hebraeischer Schrift בעער?
    ich waere fuer jede Auskunft sehr Dankbar .
    mit freundlichen Gruessen
    Uri Beer

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