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Lesung aus dem Tagebuch von Johannes Hoffmann

7. Juni 2009

Bereits am Donnerstag fand eine Veranstaltung zu dem umstrittensten saarländischen Ministerpräsidenten und Nazigegner, Johannes Hoffmann (1890 - 1967), in Beckingen-Düppenweiler statt. Hoffmann hat in diesem Ort (Nahe der Bahnstrecke Trier-Saarbrücken) gewohnt. Aus seinem Tagebuch ( Am Rande des Hitlerkrieges, Merzig, Gollenstein Verlag)  las Gisela Stoll-Bell; die Einführung und Moderation übernahm Herbert Kammer, Studiendirektor a.D.  Zwei seiner Enkelkinder aus den USA wohnten der Lesung bei.

Hoffmann war katholischer Journalist, wurde aber 1934 als Chefredakteur der katholischen „Saarbrücker Landeszeitung” entlassen (heute würde man sagen raus gemobbt), weil er ein entschiedener Nazigegner war und die offizielle katholische Linie gegenüber den stärker werdenden Nazis nicht mitging. Nach seinem Exil (seit 1935) in Luxemburg, Frankreich und Brasilien wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg als Vorsitzender der CVP (Christlichen Volkspartei Saar) erster saarländischer Ministerpräsident, bildete die meiste Zeit zwischen 1946 und 1955 mit Sozialdemokraten von der SPS (Sozialdemokratische Partei Saar) unter der Führung von Richard Kirn eine Koalitionsregierung und strebte einen saarländisch-europäischen Sonderweg an, ohne schwarz-rot-gold. Er wurde massiv aus der nationalistischen Ecke attackiert - von der pro deutschen CDU und der pro deutschen SPD und der Deutschen Partei Saar („Liberale, Vorläufer der FDP im Saarland) und verlor letztlich die entscheidende Abstimmung 1955. Besonders tat sich dabei seitens der DPS Heinrich Schneider hervor, der eine lupenreine NS-Vergangenheit sein eigen nennen konnte und in der DPS viele alte Weg- und Volksgenossen traf. Der Katholik Hoffmann wurde auf’s übelste beschimpft, weil er emigriert war und sich den Nazis widersetzte.
Bis heute ist er innerhalb der CDU und innerhalb der SPD umstritten und teilweise mehr gelitten als akzeptiert. Dass der saarländische Schriftsteller Ludwig Harig, die Hoffmann Regierung - immerhin lange Jahre eine Koalitionsregierung mit Sozialdemokraten - allen Ernstes als “klero-faschistisch” titulierte und diese Aussage Jahrzehnte später in Interviews mit der Saarbrücker Zeitung und dem Saarländischen Rundfunk rechtfertigte, zeugt wenige Jahre nach dem militärisch erzwungenen Ende des Zivilisationsbruchs Auschwitz eindrucksvoll von der geistigen Reife und dem intellektuellen Tiefgang saarländischer Literatur. Immerhin durfte in seiner Regierungszeit niemand aus dem Saarland abgeschoben werden, der dort geboren wurde. Ein äußerst moderne Vorstellung eines Staatsbürgerrecht.

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